Tessin - Geschrieben am Montag, Oktober 3, 2016 8:04 von Franco - 0 Kommentare

Bergwanderung Bosco Gurin – Grossalp – Hendar und Guriner Furggu – Lago Superiore

3.10.16

Alle Fotos zu dieser Tour unter diesem Link ersichtlich:
Bergwanderung Bosco Gurin – Capanna Grossalp – Hendar Furggu – Lago Superiore – Guriner Furggu

Mit dem Auto bis nach Locarno. Bevor wir jeweils eine Wanderung von
Locarno aus starten, kehren wir in der Regel, in das in der Nähe der
Schiffsanlegestelle liegende Café Al Porto ein.
Café Al Porto
Der Kaffee und die Brioche alla crema sind einfach himmlisch. Mit dem
Bus fuhren wir danach die ganze Valle Maggia aufwärts bis nach Cevio.
In Cevio hiess es umsteigen in ein Postauto, das uns nach Bosco Gurin
fuhr. Fast 2 Stunden dauert die keineswegs langweilige Fahrt von
Locarno nach Bosco Gurin.
Bosco Gurin
Bosco Gurin liegt in einem tief eingeschnittenen Tal, und gilt als einer der
abgelegensten und ursprünglichsten Winkel des Tessin, dessen Namen
vom Waldreichtum des Tales herrührt. Mit 1506 Höhenmetern übrigens
die höchstgelegene Gemeinde des Kantons. Wenn man sich in Locarno
oder Ascona umhört, könnte man fast meinen, dass mancherorts im Tessin
die italienische Sprache durch das Deutsche in all seinen Variationen ver-
drängt wird. Glücklicherweise ist das nicht wirklich der Fall, doch es gibt
tatsächlich ein Dorf im Tessin, wo die eine Sprache die andere langsam
ablöst – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen: Bosco/Gurin, zuhinterst
im Valle di Bosco Gurin gelegen, ist die einzige deutschsprachige Gemeinde
im Kanton Tessin. Aufgrund des juristischen Durcheinanders kann die da-
malige besitzrechtliche Situation des hinteren Valle di Bosco Gurin heute
nicht mehr mit Sicherheit rekonstruiert werden. Schätzungsweise zwischen
1225 und 1235 richteten sich die ersten zehn Walser Familien auf dem
Gebiet der Alpe di Sant’Abbondio – also westlich des heutigen Langsstalles -
auf der kleinen Ebene ein. Sie wanderten mit ihrem bescheidenen Hab
und Gut aus dem Pomatt her ein, über die Guriner Furggen. Im Pomatt,
dem italienischen Val Formazza, bestanden bereits Walserkolonien.
Durch einen Erblehensbrief erhielten die Siedler das zeitlich unbefristete
Recht auf die zu besiedelnden Gebiete. Bei ihrem Tod gingen der Besitz
des Hofes und die Pflicht der jährlichen Mietzahlung für die Landnutzung
direkt an ihre Kinder über. Die “direkte Herrschaft” blieb formal beim
Lehensherrn. Entscheidend für die Siedler war die zeitliche Unbegrenzt-
heit des Lehens, denn nur so lohnten sich die Investitionen in Waldro-
dungen und Hausbau. Die Rechtspraxis der Erblehensbriefe gab den
Siedlern den Anreiz, sich langfristig auf abgelegenen Alpsitzen niederzu-
lassen. So entstand inmitten einer vom Italienischen dominierten Re-
gion eine deutschsprachige Siedlung, die zeitweise mehrere hundert
Bewohnerinnen und Bewohner zählte. Bis zum Beginn des 20. Jhr. war
das Dorf sehr isoliert, Kontakte bestanden vorwiegend mit dem Wallis
oder den Walsern des benachbarten Val Formazza, so dass sich das
Deutsche über Jahrhunderte halten konnte. Bei den deutschsprachigen
Bewohnerinnen und Bewohnern hiess das Dorf immer Gurin, Bosco ist
der italienische Name, woraus nach einem Sprachenstreit im Jahr 1934
schliesslich die seither gebräuchliche Bezeichnung Bosco/Gurin entstand.
Die Sprache, das “Walser­titsch”, hat im kleinen Dorf Bosco/Gurin – 54
Einwohner per Ende 2007 – hingegen gelitten: Die dort lebende Mehr-
heit ist seit der letzten Volkszählung im Jahr 2000 eine italienischspra-
chige. Die Walser Wurzeln sind aber immer noch am Dorfbild abzulesen,
und vor allem an den Flurnamen. Endra Staful, Ubaràb, Mattumbort,
Wyss Gufer, Kanta: Alles, was die Landeskarte erzählt, erinnert an die
vom Wallis eingewanderten, über den Berg gekommenen Ahnen der
Guriner. Der Blick zurück belegt auch, wie unbeirrt, ja geradezu stur
die Guriner Bauern bis weit ins 20. Jahrhundert hinein an ihren tradi-
tionellen Organisations- und Produktionsmethoden festhielten und
sich auf Veränderungen der ausseralpinen Absatzmärkte nur begrenzt
einstellen konnten. Fahrwege wurden kaum errichtet, alles wurde auf
dem Rücken gebuckelt, als wäre das Rad noch nicht erfunden. Noch in
den 1960er-Jahren war die Landwirtschaftsfläche in rund 12′000 Ein-
zelparzellen unterteilt – eine Folge der Realteilung bis zur Selbstzerstö-
rung! Jeder Bauer hatte über 100 weitverstreute Kleinstflächen zu be-
wirtschaften. Um 1850 zählte Bosco/Gurin noch über 400 Einwoh-
nerinnen und Einwohner. Danach nahm deren Zahl stetig ab. 100
Jahre später waren es noch 182. Im Jahr 2000 waren es noch 58 und
heute zählt man noch knapp 50 Einwohnerinnen und Einwohner,
Saisoniers mitgerechnet. Im 19. Jahrhundert war die Auswanderung
nach Übersee besonders stark, wie in den anderen Gemeinden des
Maggiatals auch. Man suchte aber auch zunehmend Arbeit in den
Städten des südlichen Alpenrandes oder in der deutschen Schweiz.
Dieser Trend hielt auch im 20. Jahrhundert an und unterscheidet sich
kaum von anderen Randregionen, die nicht vom Tourismus profitieren
konnten. Die erste Fahrstrasse nach Bosco/Gurin wurde erst 1927
fertiggestellt. Den Anschluss an die Segnungen des Tourismus sucht
man ab 1970, als ein erster Skilift auf die Grossalp errichtet wurde.
Heute ist die Grossalp mit einer neuen Sesselbahn erschlossen. Die
Sesselbahn lief bis vor kurzem auch im Sommer dies ist aber seit kur-
zen nicht mehr möglich. Zuwenig Gäste. Der grosse Boom ist trotz-
dem nicht ausgebrochen. Die Anfahrt nach Bosco/Gurin ist lang und
eng, das Skigebiet selber ist begrenzt. Der bescheidene Tourismus hat
anderseits viele auswertige Heimweh-Guriner dazu angeregt, ihre
leerstehenden Häuser in Ferienwohnungen umzubauen, für Gäste
und für sich selbst. Um die Jahrtausendwende sind ein Hotel und
eine grosse Herberge dazugekommen. Es bleibt aber beim Tages-
und der Wandertourismus. Er hilft mit, zwei oder drei Arbeitsplätze
zu erhalten. Mehr nicht, aber immerhin, früher wurde auch um jeden
Grashalm gekämpft!
Vom grossen Parkplatz an der Ortseinfahrt von Bosco Gurin 1503 m.ü.M.
Hotel Walser
geht man zunächst durch die malerischen Gassen des Ortes und an der
Pfarrkirche mit ihrem schlanken, barockisierten Turm vorbei. Beachtens-
wert sind die Holzhäuser und die Bauart der Scheunen. Der Stil dieser
Gebäude hat seinen Ursprung im Kanton Wallis und erklärt sich durch
die Besiedlungsgeschichte dieses entlegenen Hochtales. Wir gehen zum
besuchenswerten Walserhaus- Museum hinunter und von dort nach
links, Richtung Talstation des Sessellifts. Beim westlichen Ortsausgang
kommen wir an einer lang gestreckten Reihe von Stallgebäuden vorbei.
Es ist eine etwa 110 Meter lange, siebzehngliedrige Heustallreihe. Sie
wurde als Schutz gegen Lawinen errichtet, den die locker verstreuten
Ställe nicht gewährt hätten. Wir queren auf einer Brücke einen Bergbach.
Gleich hinter der Brücke beginnt der Anstieg, und wir folgen dem Pfad
Richtung Capanna Grossalp (Wegweiser). Parallel zum Bergbach steigt
der Pfad teilweise über Granitplatten steil an. Im Frühsommer blühen
hier zahllose, bunte Bergblumen. Der Bach ist wild, schiesst über glatte
Felsplatten und stürzt in einigen Kaskaden dem Talboden entgegen.
Durch lichte Lärchenbestände, in denen zwischen den kultivierten
Alpweiden mehrere “Gadumgi” (kleine Heuschober) anzutreffen sind,
geht es weiter aufwärts. Knapp unterhalb eines Lärchenwäldchens
kreuzen wir eine unasphaltierte Fahrstrasse. Der Bergpfad verläuft
aber weiterhin geradeaus, steil nach oben, so dass wir rasch an Höhe
gewinnen. Wir passieren einen lichten Lärchenwald und treffen an-
schliessend auf die Trasse eines Schleppliftes. Wir wandern links un-
terhalb der Talstation des kleinen Liftes vorbei, überqueren zwei
Bäche, und folgen der Skipiste. Schon nach der nächsten Kurve er-
kennen wir am Horizont die Gebäude der Grossalp. Vorbei an
Naatscha quert der Wanderweg wieder eine Naturstrasse. Ein Wie-
senpfad führt uns nun direkt auf die Grossalp zu. Der Pfad verliert
sich allerdings manchmal etwas im Gelände der Skipisten. Die Orien-
tierung ist trotzdem einfach, markieren doch die Alpgebäude das Ziel.
Problemlos erreichen wir kurze Zeit später die Grossalp 1907 m.ü.M.
wo die gleichnamige Berghütte zur Rast einlädt.
Capanna Grossalp
Die stattliche Almsiedlung macht ihrem Namen alle Ehre. Wo sich im
Winter Skitouristen tummeln, weiden im Sommer friedlich Ziegen. Die
Grossalp besteht aus mehreren, einzeln stehenden Steinhäusern. Einige
sind verfallen, der Grossteil ist aber entweder neu erbaut oder renoviert.
Oberhalb der ausgedehnten Almfläche blicken wir auf eine Bergkette.
Zwischen den zackigen Gipfeln fällt ein ausgeprägter Einschnitt auf.
Über diesen Pass, die 2323 m hohe Guriner Furka, werden wir nach
unserer Rundwanderung zurückkehren. Wir treten in die Capanna
Grossalp ein, und melden uns an. Der Hüttenwart, kommt mit uns mit,
und zeigt uns die Hütte wo wir heute übernachten werden. Wir über-
nachten nämlich nicht in der Capanna Grossalp, sondern in einer klei-
nen umgebauten Alphütte, direkt neben der Capanna.
Casi Hütte
Wir packen das mitgenommene Nachtessen, und das Frühstück für morgen
aus den Rücksäcken, und machen eine kleine Pause. Von der Hüttenterrasse
(unsere Übernachtungshütte) geniessen wir einen prächtigen Blick auf das
ganze Tal von Gurin und seine Bergkulisse. Genau nördlich erhebt sich über
ausladenden Graten das Wandfluhhorn. Genau südlich von uns, ist der Pizzo
Bombögn – den wir morgen besteigen werden – ersichtlich. Einen Rucksack
lassen wir in der Hütte stehen, und in dem anderen nehmen wir nur das not-
wendigste mit. Wir verlassen “unsere” schöne Hütte und starten den zweiten
Teil der Wanderung. Sie wird uns nach Italien zum Lago Superiore bringen.
Die Wanderung ist nicht so bekannt, darum auch nicht so überlaufen, aber
auch aus diesem Grund sehr schön. Über einen einfachen Wanderweg, ver-
lassen wir in nördlicher Richtung die Grossalp, überqueren bei der Alp
Farbranda einen Bergbach 1990 m.ü.M., überqueren die Alpweiden von Tal,
wo wir bei Punkt 2047 m.ü.M. wieder einen Bergbach überqueren. Bei der
Weggabelung bei den Alpweiden von Bort 2105 m.ü.M., halten wir uns links,
um über Punkt 2166 m.ü.M kurz danach wieder eine Weggabelung 2232 m.
zu erreichen. Auch hier halten wir uns links und durchlaufen die steile Berg-
flanke des Martschenspitz (Pizzo Stella). Weiterhin auf einfachem Wander-
weg erreichen wir bei der Bann-Alp wieder eine Weggabelung. Auch hier
halten wir uns links. Unser Ziel ist nun die Hendar Furggu (Bocchetta Foglia).
Der Wanderweg wird nun steiler und bei der Weggabelung 2352 m.ü.M.
mutiert er zu einem steinigen Bergpfad. Über groben Blockschutt und Ge-
röll steigen wir nun steil auf direktem Weg, zur Hendar Furggu 2419 m.ü.M.
hinauf, dem hintersten Übergang zwischen dem Val Formazza und Bosco
Gurin zugleich Grenze Italien-Schweiz.
Das Leben im Gebirge gleicht oft einem Überleben. Meister darin waren die
Walser, die, ursprünglich aus dem Oberwallis stammend, über Pässe hinweg
neue Bergtäler bis hinüber in die Ostalpen besiedelten. Was müssen diese
Menschen gedacht haben, als sie mit Hab und Gut hier bei diesem Übergang
standen, und ins Tal von Bosco/Gurin hinunter schauten?
Wir durchqueren die tiefeingeschnittene Lücke zwischen dem Martschenspitz
(Pizzo Stella) und dem Wandfluhhorn (Pizzo Biela). Blockschutt und Geröll
soweit das Auge reicht. Hier bleibt der Schnee lange liegen. Über so Block-
schutt zu laufen, muss man mögen, ansonsten ist es eine Qual. Von einem
Felsbrocken zum anderen balancierend, geht es auf italienischer Seite durch
diesen Engpass, um danach über eine steinige Mulde wieder auf grüne Matten
zu stossen. Ohne Vorankündigung erscheint tief unter uns der Lago Superiore.
Der tiefblaue Bergsee erinnert sehr stark an einem mit Wasser gefüllten Vul-
kankrater. In diesem Moment fühlen wir uns bestätigt, das wir diese Wan-
derung auf unserer Wanderliste aufgenommen hatten. Bei schönster Aus-
sicht auf den See und ins Val Formazza, verlieren wir über eine oberhalb des
Sees liegende Geländeschulter, schnell an Höhe. Bei Nässe rutschig. Direkt
am Ufer des Lago Superiore 2254 m.ü.M. legen wir eine kleine Rast ein. Auf
der orographisch rechten Seite des See-Ausfluss, geht es nun alles steil an
diesem Bergbach abwärts. Bei Nässe eine rutschige Angelegenheit. Bei der
Weggabelung 1986 m.ü.M. biegen wir links ab, und überqueren den Bach.
Die über 400 verlorenen Höhenmeter, werden ab diesem Zeitpunkt wieder
zurückgewonnen, und zwar in Form von einem steilen Bergweg. Zwischen
Buschwerk, Felsplatten und Schutt gewinnen wir über einen wilden steilen
Bergweg wieder an Höhe. Die Sicht auf das Val Formazza ist sehr schön.
Bei einem Ausläufer des Pizzo Stella, erreichen wir die kleine Einsattelung
bei Punkt 2353 m.ü.M. Unter einem Felsgürtel durchqueren wir schwach
aufwärts steigend, die kleine Mulde von Bodme. Vorbei am ausgetrock-
netem kleinen See, erreichen wir danach die Wasserscheide der
Guriner Furka 2323 m.ü.M.
Die Guriner Furka (Guriner Furggu), über die die Walser zogen, um im
Gurintal zu siedeln, war über Jahrhunderte einer der klassischen Wals-
erpässe. Und noch während des zweiten Weltkriegs gaben sich hier die
Schmuggler von Reis, Tabak, und Textilien die Hand.
Wieder auf Schweizerboden steigen wir über die weiten Alpweiden von
Sandige Boda 2134 m.ü.M., teilweise Weglos und nicht markiert abwärts,
und erreichen danach wieder die Grossalp 1907 m.ü.M.
In “unserer” Hütte angekommen, wird im schönen Holzofen ein Feuer
angezündet. Danach gehen wir nach draussen, öffnen eine Flasche
Rotwein, schneiden auf einer Holzplatte Käse und Salami und genie-
ssen die Aussicht auf Bosco/Gurin. Als die Sonne untergeht, ziehen wir
uns in “unsere” Hütte zurück und Kochen das mitgebrachte. Es schme-
ckte vorzüglich. Während neben uns das Feuer knistert, schauen wir
uns auf der Wanderkarte die Wanderung von morgen an. Zufrieden
gehen wir danach schlafen. Während dem Einschlafen hören wir
weiterhin das Feuer knistern.

Die Wanderung verläuft
meist auf Bergpfaden
und führt durch freie
Almmatten, lichte
Lärchenwälder und
ein kurzes Stück durch
Blockschutt und Geröll.
Zwischendurch steile
und anstrengende
Auf- und Abstiege.

Tourenblatt mit Wanderkarte und Höhenprofil
Link zu den anderen Wanderungen
Für die ganze Strecke benötigten wir ca. 4 3/4 Std. 10,5 km
ca.1410m Aufstieg
ca.990m Abstieg
2419m höchster Punkt
1480m tiefster Punkt

Über einen Eintrag in unserem Gästebuch
Link zum Gästebuch
würden wir uns freuen

Manuela & Franco



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